WARNITZER LESUNGEN online | Marina Zwetajewa : Lichtregen

Gespräch mit Ilma Rakusa und Lesung

Ausschnitt aus dem Porträt Andrej Belyjs „Ein gefangener Geist“ (Übersetzung Rolf-Dietrich Keil) – Gespräch mit Ilma Rakusa – Ausschnitte aus dem Essay „Die Kunst im Lichte des Gewissens“ (Übersetzung Rolf-Dietrich Keil)

 

Ausschnitt aus dem Essay „Lichtregen“ über Boris Pasternak (Übersetzung Ilma Rakusa)

 

Marina Zwetajewa, neben Anna Achmatowa die wichtigste russische Dichterin der Moderne, lässt sich in Lichtregen, dem zweiten Band der auf vier Bände angelegten und von Ilma Rakusa herausgegebenen Werkausgabe, nicht nur als radikale Sprachkünstlerin, sondern auch als scharfsinnige und leidenschaftliche Essayistin erfahren:

Die erste Abteilung, »Erinnerungen an Zeitgenossen«, versammelt Porträts verstorbener Dichterkollegen und Freunde, darunter Ikonen des Silbernen Zeitalters wie Walerij Brjussow und Konstantin Balmont, aber auch Ossip Mandelstam, Boris Pasternak, Rainer Maria Rilke und die avantgardistische Malerin Natalja Gontscharowa. Zwetajewa durchstreift Korrespondenzen und Gedichte, erzählerische Passagen und luzide Beobachtungen folgen auf prägnant protokollierte Gespräche. Dem Skandalon des Todes setzt sie – empfindsam, frei, schöpferisch – »Lebendes über Lebende« entgegen.  

Die zweite Abteilung »Essays« bündelt eine Auswahl von Zwetajewas poetologischen Texten, denen sie sich in den Jahren von 1928 bis 1938 zuwandte. Darin schreibt sie über die Rolle des Kritikers oder die Übersetzung von Goethes »Erlkönig« ins Russische, sondiert das Terrain poetischer Schöpfung und – in »Mein weiblicher Bruder«, einem Text, den sie auf Französisch verfasste – jenes der gleichgeschlechtlichen Liebe.
Ihre Erinnerungen an Zeitgenossen und Essays waren für Zwetajewa zugleich auch immer »Anlass zu sich selbst«. Lichtregen erlaubt die Auseinandersetzung mit einer weiteren Facette des Werkes von Marina Zwetajewa, das von radikaler Hingabe und Ausgesetztheit zeugt.

»Lichtregen versammelt Porträts, in denen die Dichterin Marina Zwetajewa russische Literaten des frühen 20. Jahrhunderts beschreibt – lyrisch und emotional aufgeladen. Daneben stehen poetologische Texte, die daran erinnern, was Literatur einmal bedeutete.« (Helmut Böttiger, Deutschlandfunk Kultur)

»Fulminant und erbarmungslos porträtiert die große russische Poetin ihre Zeitgenossen von Mandelstam bis Tolstoi.« (Iris Radisch, ZEIT Online)

 

MARINA ZWETAJEWA, geboren 1892 als Tochter einer begabten Pianistin und des späteren Begründers des heutigen Puschkin-Museums, verbrachte eine intensive, behütete und romantische Kindheit. Als Teenager war sie mit ihrer Familie die meiste Zeit auf Reisen quer durch Europa, hauptsächlich in Italien, der Schweiz und Deutschland – auf der Suche nach einer Kur für die tuberkulosekranke Mutter.
1910 erschien ihr erster Gedichtband, der sie schlagartig berühmt machte. Im darauf folgenden Jahr traf sie Sergej Efron auf der Krim. Obwohl Zwetajewa ihn heiratete, drei Kinder mit ihm hatte und ihm ihr ganzes Leben widmete, unterhielt sie leidenschaftliche Beziehungen mit vielen Liebhabern, so u.a. mit Ossip Mandelstam und Sofia Parnok. 1917 wurde Efron zur Weißen Armee eingezogen und Marina Zwetajewa sah ihn über 5 Jahre nicht mehr.
Sie und ihre älteste Tochter Alya überlebten die Revolution kaum, 1922 trafen sie Efron im Exil in Prag. Dort und später in Paris publizierte sie viele ihrer größten Werke und führte eine intensive Korrespondenz mit Rilke und Pasternak. 1939, kaum bekannt in ihrer Heimat, von ihrem Ehemann entfremdet und von der Exilgemeinschaft geächtet, überzeugte Efron, der als Sowjetagent entlarvt wurde, sie, dennoch nach Moskau zurückzukehren.
Efron und Alya wurden verhaftet. Die deutsche Armee drang immer weiter in Russland ein, und Zwetajewa und ihr Sohn wurden nach Elabuga, am Kama-Fluss umgesiedelt. Dort nahm sich Zwetajewa am 31. August 1941 das Leben. (Quelle: Perlentaucher)

ILMA RAKUSA, 1946 als Tochter eines Slowenen und einer Ungarin in Rimavská Sobota (Slowakei) geboren, frühe Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest, 1951 Übersiedlung mit den Eltern nach Zürich. Slawistik- und Romanistikstudium in Zürich, Paris und St.Petersburg, Dissertation „Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur“. Sie veröffentlichte zahlreiche Lyrik-, Erzähl- und Essaybände. Als Übersetzerin (aus dem Russischen, Serbokroatischen, Ungarischen und Französischen),  Publizistin (Neue Zürcher Zeitung,  Die Zeit) und  Lehrbeauftragte setzt sie sich für die Vermittlung osteuropäischer Literaturen ein. Auzsgezeichnet mit Preisen und Stipendien, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Ilma Rakusa lebt in Zürich.

Marina Zwetajewa: Ausgewählte Werke. Band 2 »Lichtregen« (Essays und Erinnerungen). Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ilma Rakusa. Übersetzt von Nicola Denis, Elke Erb, Rolf-Dietrich Keil, Hans Loose, Olga Radetzkaja, Ilma Rakusa und Ilse Tschörtner.  928 Seiten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020