26. November 2022 – 19 Uhr | Manuela Reichart : Ein Abend für Grace Paley zum 100. Geburtstag

Die amerikanische Autorin Grace Paley (1922-2007) ist sowohl für ihre feministischen Short Stories als auch für ihren politischen Aktivismus bekannt.

Als reinen Glücksfall bezeichnete Grace Paley das Erscheinen ihres ersten Erzählungsbands Die kleinen Widrigkeiten des Lebens im Jahr 1959. Bis zum Beginn der amerikanischen Frauen-, Friedens- und Bürgerrechtsbewegung hatte die selbstbewusste New Yorker Hausfrau und Mutter ausschließlich Gedichte geschrieben. Aber dann habe sie ihr Gehör für die Geschichten ihrer Mitmenschen entdeckt, beschrieb Paley den Wechsel zu dem Genre, für das sie berühmt wurde. Diese Erfahrungen gibt sie mit ihrem ganz eigenen, von der Sprache der jüdisch-osteuropäischen Einwanderer gefärbten Ton wieder: im Sound ihrer Generation, in schlagfertigen Wortwechseln und Szenen urbanen Lebens.

Nicht minder selbstbewußt agierte sie politisch. Bei der legendären 48. PEN-Konferenz 1986 in New York sprachen  117 Teilnehmer, darunter nur 16 Frauen. PEN-Präsident Norman Mailer meinte, nur wirkliche Schriftsteller dürften reden und zudem sei das Thema des Kongresses intellektuell – dafür käme nur Susan Sonntag in Frage. Daraufhin ergriff Grace Paley das Wort. Zweihundert Schriftstellerinnen unterschrieben nach ihrer Rede eine Petition gegen den PEN und verlangten ihr Rederecht.

Manuela Reichart stellt anlässlich des 100. Geburtstages von Grace Paley die Autorin und ihr Werk vor. 

»Zu entdecken ist eine hierzulande noch weitgehend unbekannte, großartige Erzählerin, die im Stakkato kurz geschnittener Sätze expressive Erzähltableaus entfaltet. Great stuff!«
Christine Hamel, Bayerischer Rundfunk

»Endlich kommt die große alte Dame der amerikanischen Short-Story, Grace Paley, auch bei uns zu Ehren, dem Schöffling Verlag sei Dank.«
Gabriele von Arnim, Die Welt

»Es ist nicht nur traurig, es ist sehr ungerecht, dass Paley nicht so berühmt ist wie Philip Roth. Sie spielt literarisch in der allerhöchsten Liga.«
Bernadette Conrad, Schweizer Radio SRF

»Sie gehört zu jener seltenen Gattung von Schriftstellern mit einer Stimme, wie niemand sonst sie hat: komisch, traurig, bescheiden, energisch, genau.»
Susan Sontag

»Wörter gebraucht sie nicht einfach; sie lässt sie steigen wie einen Drachen, zucken wie einen Angelhaken.«
Uwe Johnson

»Grace Paley ist unbestechlich. Scheinbar mühelos durchstößt sie die Konvention, ignoriert das Urteil der Welt.«
Christa Wolf

»Wie ein gutes Gedicht lässt sich eine Geschichte von Grace Paley nicht umschreiben.«
Joyce Carol Oates

»Schreiben und politisches Engagement gehörten bei ihr immer untrennbar zusammen, eine ungeheuer integre Autorin.«
The Times

Foto: Nancy Crampton

GRACE PALEY, geboren  1922 als Tochter russisch-jüdischer Einwanderer in New York, war neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit in der Friedens-, Frauen- und Bürgerrechtsbewegung aktiv. Sie veröffentlichte zahlreiche Shortstorys und Gedichtbände und erhielt mehrere bedeutende Auszeichnungen und Preise für ihr Lebenswerk, das vollständig in Neuübersetzungen bei Schöffling & Co. erscheint. Grace Paley starb 2007 in Vermont.

 

MANUELA REICHART lebt und arbeitet in Berlin und in der Uckermark als Radioautorin, Radiomoderatorin und Herausgeberin.

 

 

12. November 2022 – 19 Uhr | Henryk Gericke : Too Much Future. Punk in der DDR

Die Punks im Osten sind ein wenig bekanntes Kapitel der DDR-Geschichte. Ähnlich wie bei den westdeutschen Punks sorgte ihr Zweifeln für Ächtung. Allerdings mit schwerwiegenden Folgen.
Wie groß war die Szene? Wie lebten Punks in der DDR? Wo und wie gaben sie Konzerte? Wie klang ihre Musik? Welchen Schikanen durch die Staatssicherheit waren sie ausgesetzt?
Eine Compilation aus drei Vinyl-Schallplatten und ein 80-seitiges Booklet „Too Much Future. Punk in der DDR“ geben Auskunft. Die erste Auflage erschien 2010 und war innerhalb weniger Tage vergriffen. In diesem Jahr erschien eine neue überarbeitete und erweiterte Auflage, zweisprachig Deutsch und Englisch. Schwerpunkt sind die Szenen in Ostberlin und Leipzig, aber auch der Punk in Dresden, Erfurt und Weimar wird einbezogen. 
„Too Much Future“ versammelt ausschließlich ehemals illegale Bands, die ohne staatliche Spielerlaubnis bewusst Underground waren. Einige von ihnen spielten nie vor Publikum. Die Bands, die gelegentlich live zu sehen waren, traten konspirativ auf. Etliche Musiker wurden anschließend drangsaliert, inhaftiert und zu Gefängnisstrafen verurteilt.  Viele der Bands sind bis heute unbekannt. Neben einigen Klassikern des DDR-Punkrock veröffentlicht „Too Much Future“ vor allem Bands oder Songs, die aufgrund teils jahrelanger Recherchen zum ersten Mal zu hören sind. Die Compilation funktioniert durch ein umfangreiches, ca. 100 Seiten starkes Booklet auch als Buch.
Die beiden Herausgeber der Compilation waren selbst Teil der frühen DDR-Punkszene: Henryk Gericke, der das Buch vorstellen wird, sang in der Ostberliner Punkband The Leistungsleichen und Maik „Ratte“ Reichenbach spielte Bass in der Leipziger Punkband H.A.U. und in der Punkrocklegende L’Attentat.

„Der Widerstand der Punks richtete sich gegen eine Musterutopie – das ‚No Future‘ der westdeutschen Punks hieß bei den Punks im Osten ‚Too Much Future‘.“ Henryk Gericke

 

Foto: Julia Schmitz

HENRYK GERICKE, geboren 1964 in Berlin Prenzlauer Berg, lebt ebenda. Autor, Herausgeber und Galerist. 1981-82 Sänger der Ostberliner Punkband The Leistungsleichen. 1985-89 Herausgeber unabhängiger Editionen und Samisdat-Hefte (Caligo, Autodafé, Art. 27, Braegen) sowie Autor in anderen unabhängigen Editionen (Anschlag, Ariadnefabrik, Liane, Verwendung u.a.). 1990 Mitbegründer des Verlages Druckhaus Galrev. Seit 1997 unter dem Zweitnamen Nic Sleazy auch als DJ aktiv. 2004 Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin. Ab 2005 diverse Bücher, Veröffentlichungen, Ausstellungen, Rundfunkproduktionen sowie ein Dokumentarfilm zum Thema Subkultur in der DDR. 2010 Gründung der Staatsgalerie Prenzlauer Berg. Seit 2019 Herausgeber der Schallplatten-Edition tapetopia – GDR Undergroundtapes. 2021 Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin.

 

29. Oktober 2022 – 19 Uhr | Marion Poschmann : Laubwerk + Nimbus

Laubwerk. Wortmeldungen. In ihrem Text Laubwerk schreibt Marion Poschmann, wie in jedem Herbst unzählige Menschen in den Neuenglandstaaten und Kanada in die Wälder ziehen, um die faszinierend bunte Laubfärbung in dieser Jahreszeit zu erleben. „Leaf peeping in Nordamerika ist konnotiert mit Freiheit, weiten Räumen, Abenteuer und wilder Natur. Man fährt in die Berge, man fährt über Land, man verbindet sich mit den Wäldern und der Witterung, man hat Teil an der Schönheit des Landes.“ Auch in Ostasien bestauenen die Bewohner das Herbstlaub, es ist eine tausendjährige Tradition. „Wenn sich der Japanische Ahorn im Herbst orange, karmesinrot oder magenta färbt, zieht es die Laubbetrachter in Massen zu den berühmtesten Tempelgärten des Landes, und jedes einzelne Ahornblatt wird ausgiebig von allen Seiten fotografiert.“
Deswegen erstaunt es Marion Poschmann, daß wir Europäer
von der Laubfärbung keinerlei Aufhebens machen. Im Gegenteil, googelt sie ein Stichwort wie Herbstlaub, „geht es in erster Linie um die Räumpflicht, um gefährlich rutschiges Laub auf nassen Bürgersteigen, um Nachbarschaftsstreitigkeiten, weil sich das fallende Laub nicht an Grundstücksgrenzen hält, es geht um geeignete Laubbläser und Entsorgungsfragen. Herbstlaub ist unerwünscht, stört den Tagesablauf und enthält allergieerregende Schimmelpilze.“ 
Für ihren ebenso poetischen wie engagierten Text Laubwerk erhielt Marion Poschmann den WORTMELDUNGEN-Literaturpreis der Crespo Foundation.

Nimbus heißt dunkle Wolke und ist eine beeindruckend formlose wie ungreifbare Erscheinung aus Schwung, Pracht und Weite. Sie bestimmt die Atmosphäre und entzieht sich zugleich, bleibt unbeherrschbar. Mit Witz und Zärtlichkeit unternimmt Marion Poschmann in ihren neuen Gedichten den Versuch, Nähe und Ferne zusammenzudenken und sowohl über die maßlosen Kräfte des Äußeren als auch ihr Echo in unserem Inneren zu sinnieren. Die Erforschung Sibiriens vor Beginn der Industrialisierung, flüchtige Begegnungen mit Tieren, die Nuanciertheit eines Farbtons oder die Verletzlichkeit von Eismassen spiegeln ebenso wie die kleinen magischen Praktiken des Alltags die Einzigartigkeit der globalen Veränderung. Nimbus ist eine Feier des Sublimen und Schönen, unverwechselbar im Ton, lustvoll und philosophisch.

»… bei Marion Poschmann mischen sich begriffliche Erkenntnis und starke Bildlichkeit bis in die Details. … Sie bewegt sich traumwandlerisch sicher in der Kultur- und der Wissenschaftsgeschichte.«
Hubert Winkels, Süddeutsche Zeitung

 

© Jürgen Bauer

MARION POSCHMANN, 1969 in Essen geboren, studierte Germanistik und Slawistik und lebt heute in Berlin. Für ihre Lyrik und Prosa wurde sie mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Klopstock- Preis 2018 für ihren Roman Die Kieferninseln (2017), der auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und auf jener des Man Booker International Prize 2019 stand.

8. Oktober 2022 – 19 Uhr | Jan Wagner : Dylan Thomas – Unter dem Milchwald

NEU: Ab sofort finden die Warnitzer Lesungen im Gasthof „Deutsche Eiche“  (Lindenallee 52, 17291 Warnitz) statt!

Der Morgen beginnt in dem kleinen Fischerdorf Llareggub an der walisischen Küste. Wir folgen den Bewohnern in ihre Träume, wir sitzen in den Stuben, hören die Gespräche in einer Schenke, lugen in die Brautkammern unverheirateter Mädchen, erfahren von den Wünschen des blinden Kapitäns Cat und folgen insbesondere den heimlichen Liebespaaren hinauf in den Milchwald.

„Unter dem MIlchwald“ (Under Milk Wood) ist das legendäre Werk des walisischen Dichters Dylan Thomas. Es ist eine einzigartige „Prosa mit Blutdruck“, die von Bildern, Lautmalereien, Wortspielen schier zu bersten scheint.  Thomas hatte das Stück 1953, wenige Tage vor seinem Tod, als Auftragsarbeit für die BBC geschrieben. Es wurde am 24. Januar 1954 postum von der BBC urgesendet und avancierte in der Folge zum wohl berühmtesten Hörspiel der Rundfunkgeschichte. Noch 1954 wurde es als erstes Hörspiel mit dem Prix Italia ausgezeichnet.

2022, fast siebzig Jahre später, kommt es in einer neuen, funkelnden Übersetzung von Jan Wagner heraus, der „Unterm Milchwald“ als das schönste Stück Literatur bezeichnet, „das jemals über den Äther lief“. Für Wagner war die erste Begegnung mit Dylan Thomas „wie ein Rausch. Man liest das und denkt sich: Um Himmels willen, wie schafft er das, auf so engem Raum so viel an Bildern, auch widersprüchlichen Bildern, an Klang, auch an Humor und reiner Gewitztheit hineinzubringen in ein Gedicht? Dylan Thomas war für mich im Grunde die erste große Liebe in der Lyrik.“
Übrigens war auch Bob Dylan dermaßen begeistert,  dass er seinen bürgerlichen Namen Robert Allen Zimmerman aus Verehrung für den Waliser in sein weltbekanntes Pseudonym umwandelte.

Von diesem grandiosen Klassiker des Wortweltmeisters Dylan Thomas waren sie alle begeistert – die Stones, die Beatles, Anthony Hopkins, Richard Burton, Igor Strwainsky – und ich auch!“ (Elke Heidenreich)

„Dylan Thomas zählt zu den wichtigsten und anspruchsvollsten Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Seine gefeierten Texte gelten als schwer übersetzbar. Der Büchner-Preisträger Jan Wagner hat es gewagt und ‚Unterm Milchwald‘ neu übersetzt.“ (NDR)

 

DYLAN THOMAS, 1914 in Swansea geboren, 1953 in New York gestorben, arbeitete ab 1934 für Zeitschriften und die BBC in London. 1949 zog er sich in den kleinen walisischen Fischerort Laugharne zurück. Er schrieb Gedichte, Essays, Briefe, Drehbücher, autobiographische Erzählungen und das Stück „Unterm Milchwald“, das nun bei Hanser in Neuübersetzung erschien.

Foto: Nadine Kunath

JAN WAGNER, 1971 in Hamburg geboren, Autor, Herausgeber und Übersetzer (u.a. Charles Simic, Matthew Sweeney, Simon Armitage). 2001 erschien sein erster Gedichtband „Probebohrung im Himmel“. Es folgten „Guerickes Sperling“ (2004), „Achtzehn Pasteten“ (2007), „Australien“ (2010), „Die Eulenhasser in den Hallenhäusern“ (2012), der Sammelband „Selbstporträt mit Bienenschwarm“ (2016) und „Die Life Butterlfy Show“ (2018) sowie die Essaybände „Der verschlossene Raum“ (2017) und „Der glückliche Augenblick“ (2021). Für seinen Gedichtband „Regentonnenvariationen“ (2014) gewann er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse, 2017 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. 

1. Oktober 2022 – 18 Uhr | Antje Rávik Strubel : Blaue Frau

Die Lesung findet in der DORFKIRCHE WARNITZ statt !

Adina Schejbal wuchs als letzter Teenager ihres Dorfs im tschechischen Riesengebirge auf. Bei einem Sprachkurs in Berlin lernt sie die Fotografin Rickie kennen, die ihr ein Praktikum in einem neu entstehenden Kulturhaus in der Uckermark vermittelt. Nach einem sexuellen Übergriff durch einen westdeutschen Kulturpolitiker strandet Adina nach einer Irrfahrt durch halb Europa in Helsinki. Dort wird Leonides, ein estnischer Politikwissenschaftler und Abgeordneter der EU, zunächst zu ihrem Halt. Während er sich für die Menschenrechte stark macht, sucht Adina einen Ausweg aus dem inneren Exil.  »Blaue Frau« erzählt aufwühlend vom Ringen einer jungen Frau um persönliche Integrität. Sie ist unterwegs zwischen Tschechien und Finnland, Estland und Deutschland. In ihren Erfahrungen spiegeln sich auch die jüngsten Machtverhältnisse zwischen Ost- und Westeuropa.

„In einer tastenden Erzählbewegung gelingt es Antje Rávik Strubel, das eigentlich Unaussprechliche einer traumatischen Erfahrung zur Sprache zu bringen.“
(Aus der Jurybegründung des Deutschen Buchpreises)

„… souverän wie die Dramaturgie ihres Romans beherrscht Antje Rávik Strubel ihr Personal. Ihr gelingen einprägsame Figuren: Der stolze Leonides, die manipulative Berliner Fotografin Rickie, der hoffärtige Stein, der abgründige Bengel und schließlich die Lichtgestalt Kristiina, eine sensible Aktivistin und Parlamentsabgeordnete, die sich auf Wehrhaftigkeit versteht.“
(Süddeutsche Zeitung)

 

Foto: Philipp von der Heydt

ANTJE RÁVIK STRUBEL erhielt für ihre Romane, Erzählungen und Essays zahlreiche Preise, u.a. wurde sie mit einem Stipendium in die Villa Aurora in Los Angeles eingeladen und war Writer in residence 2012 am Helsinki Collegium for Advanced Studies. Ihr Roman »Blaue Frau« wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet. Im Juli 2022 erschien der Essay-Band »Es hört nie auf, dass man etwas sagen muss«. Sie übersetzt aus dem Englischen und Schwedischen u.a. Joan Didion, Lena Andersson, Lucia Berlin und Virginia Woolf. Antje Rávik Strubel lebt in Potsdam.

 

17. September 2022 – 17 Uhr | Gertraude Krueger: Julian Barnes vorgestellt

NEUE UHRZEIT DER LESUNGEN
17 UHR !

Julian Barnes ist einer der wichtigsten zeitgenössischen englischen Autoren. Mit seinem Roman „Flauberts Papagei“ war ihm  1984 der internationale Durchbruch gelungen, mit diesem Titel stand er zum ersten Mal auf der Shortlist des Man Booker Prize, den er 2011 für „Vom Ende einer Geschichte“ erhielt. Neben seinen Romanen verfasste Barnes zahlreiche Essays und Kurzgeschichten, unter dem Pseudonym Dan Kavanagh veröffentlichte er eine Reihe von Kriminalromanen.

Die Übersetzerin Gertraude Krueger, die fast zwanzig Bücher in fast vierzig Jahren von Barnes übersetzte und bestens mit seinem Werk vertraut ist, stellt den Autor vor und gibt Einblicke in ihre Arbeit als Vermittlerin zwischen zwei Sprachen.
Barnes Buch „Der Lärm der Zeit“, um das es vor allem gehen wird, ist ein erschütternder Roman über den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Er erzählt über das von Repressionen geprägte Leben Schostakowitsch‘ in meisterhafter Knappheit – ein großartiger Künstlerroman, der die Frage der Integrität stellt und traurige Aktualität genießt.

Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen.
Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für seine Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist Schostakowitsch ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?

Im an die Lesung anschliessenden Gespräch wird Getraude Krueger über ihre jüngste Arbeit, den im November herauskommenden neuen Roman von Julian Barnes „Elizabeth Finch“ sprechen. Es geht um platonische Liebe und den Tod einer besonderen Frau, der zum Anlass für die tiefere Auseinandersetzung eines Mannes mit Liebe, Freundschaft und Biografie wird. Das Buch ist eine intelligente Hommage an die Philosophie, ein Ausflug in die Geschichte, eine Einladung, selbst zu denken. 

 

 

© Alan Edwards/f2images
© Alan Edwards/f2images

JULIAN BARNES, geboren 1946 in Leicester, England, wuchs in London und Northwood auf. Bis 1968 studierte er am Magdalen College in Oxford Moderne Sprachen und schloss das Studium mit Auszeichnung ab. Drei Jahre lang arbeitete er als Lexikograph für das Oxford English Dictionary supplement, trat dann eine Stelle als Redakteur bei der New Review und dem New Statesman an, bevor er von 1979 bis 1986 erst als Fernsehkritiker für den New Statesman und den Observer tätig war. 1979 heiratete Barnes seine Agentin Patricia Olive Kavanagh, die 2008 den Folgen eines Gehirntumors erlag. Julian Barnes setzt sich mit dem plötzlichen Tod seiner Frau in seinem Buch Lebensstufen auseinander. Er widmet ihr den Großteil seiner Werke. Für seine Bücher wurde er mit zahlreichen europäischen und amerikanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Die jüngsten seiner ins Deutsche übersetzten Bücher sind  „Der Lärm der Zeit“ (2018), „Der Mann im roten Rock“ (2021), „Kunst sehen“ 2020/22) – natürlich sämtlich übertragen von Gertraude Krueger.
Julian Barnes lebt und arbeitet in London.

© Marlene Pfau

GERTRAUDE KRUEGER, geboren 1949, lebt als freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Valerie Wilson Wesley, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

 

 

 

 

13. August 2022 um 19 Uhr | Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen

Ihre erste Feldforschung führt die Ethnologin Heike Behrend Ende der Siebzigerjahre in die keniani­schen Tugenberge. Mitte der Achtzigerjahre begibt sie sich auf die Spuren der Holy­-Spirit­-Bewegung im Norden Ugandas. Während der Aids-­Epidemie arbeitet sie über die katholische Kirche in Westuganda. Und schließlich erforscht sie an der kenianischen Küste die lokalen Praktiken von Straßen­fotografen und Fotostudios.
In Afrika werden ihr die wenig schmeichelhaften Namen »Affe«, »Närrin« oder »Kannibale« gegeben. Sie fragt sich, auf welche kolo­niale Geschichte diese Bezeichnungen hinweisen und welche Kritik sie an ihrer Person und Arbeit üben.
In ihrem Buch „Menschwerdung eines Affen“ berichtet Heike Behrend von dem, was in den herkömmlichen Ethnografien meist ausgeschlossen wird: unheroische Verstrickungen, kulturelle Missverständnisse, Konflikte, Fehlleistungen und Situationen des Scheiterns in der Fremde. Sie erzählt nicht nur von vier ethnografischen Forschungen in Kenia und Uganda, sondern reflektiert gleichzeitig die Geschichte der Ethnologie –  mitsamt den Veränderungen eines Machtgefüges zwischen Forschenden und Erforschten, die sie am eigenen Leib erfährt.
Das Buch „Menschwerdung eines Affen“ wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch 2020 ausgezeichnet.

»Ihre Empathie für die Menschen in Ostafrika, mit denen [Behrend] über Jahre oder gar Jahrzehnte interagiert, und nicht zuletzt der ehrliche, fast schonungslose Blick auf sich selbst machen aus dieser Forschungsautobiografie ein zutiefst humanes Buch.«
(Der Falter, Österreich)

MODERATION : Michi Knecht

 

HEIKE BEHREND, in Stralsund geboren, studierte Ethnologie und Religionswissenschaft in München, Wien und Berlin in den politisch bewegten Sechzigerjah­ren. Sie arbeitete ethnografisch vor allem in Ostafrika und unterrichtete an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland. Sie lebt in Berlin.

 

MICHI KNECHT ist Professorin und Geschäftsführende Direktorin am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Bremen. Sie lebt in Berlin und Melzow. „13. August 2022 um 19 Uhr | Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen“ weiterlesen

30. Juli 2022 um 18 Uhr | Norbert Hummelt : 1922. Wunderjahr der Worte

 

Aufbruch in die Moderne. 1922 ist ein Jahr von unglaublicher schöpferischer Energie: ein Wunderjahr der modernen Literatur. Eine Fülle literarischer Werke erscheint, die den Gang der Weltliteratur verändern. In Paris wartet James Joyce voller Ungeduld auf die ersten Exemplare seines »Ulysses«. Virginia Woolf ist in London dabei, sich ihren eigenen Raum zu erschreiben. Rainer Maria Rilke vollendet, was er einst auf Schloss Duino begonnen hat. Katherine Mansfield steckt ihre ganze Kraft in ihre Short Stories. Und im englischen Seebad Margate findet T.S. Eliot radikale Töne für das widersprüchliche Lebensgefühl des noch jungen 20. Jahrhunderts. Quer durch Europa begleitet Norbert Hummelt diese Autoren und Autorinnen durch ein aufregendes Schaffensjahr und fängt dabei die spannungsgeladene politische Stimmung der Zeit ein.

„Nicht zu kurz kommen die historisch-politischen Ereignisse des Jahres 1922. Im Südosten Europas bekämpfen, vertreiben und massakrieren sich die Griechen und Türken. Smyrna brennt. In Italien ergreift Mussolini die Macht, in der Sowjetunion wird Stalin Generalsekretär der KPdSU. In Deutschland nimmt die Inflation Fahrt auf. Und die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau erschüttert das Land wie keines der bisher 300 politischen Attentate nach 1918. Die Zerrüttung der Zeit schreibt sich den literarischen Werken ein, im Aufbrechen der Formen und in einer dunklen Bildsprache, die oft als splitterhafte Spiegelung alter Mythen zu lesen ist.“
(Wolfgang Schneider, Deutschlandfunk Kultur)
 
NORBERT HUMMELT wurde 1962 in Neuss geboren und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für sein lyrisches Gesamtwerk wurde er 2021 mit dem Rainer-Malkowski-Preis ausgezeichnet. Zuvor hatte er u.a. den Hölty-Preis für Lyrik, den Rolf-Dieter-Brinkmann-Preis, den Mondseer Lyrikpreis sowie den Niederrheinischen Literaturpreis erhalten. Er übertrug T.S. Eliots Gedichtzyklen „Das öde Land“ und „Vier Quartette“ neu ins Deutsche und ist Herausgeber der Gedichte von W.B. Yeats. Bei Luchterhand erschienen zuletzt seine Gedichtbände »Fegefeuer« und »Sonnengesang« „30. Juli 2022 um 18 Uhr | Norbert Hummelt : 1922. Wunderjahr der Worte“ weiterlesen

2. Juli 2022 – 19 Uhr | Kathrin Janka : ECHO TSCHECHIEN 2022 – AHOJ!

Echo Tschechien 2022: Ahoj! hiess es in diesem Jahr zur Leipziger Buchmesse. Tschechien war als Gastland eingeladen, seine Literatur vorzustellen. Auch wenn die Messe nicht stattfand, so doch Lesungen in Leipzig.

Kathrin Janka, Übersetzerin aus dem Tschechischen, wird nun dieses Echo bis nach Warnitz verlängern. Sie gibt für uns einen kleinen Einblick in die tschechische Literatur und stellt Autoren aus Gegenwart und Vergangenheit vor, darunter der soeben erschienene Roman von Josef Jedlička „Auf unsres Lebens halbem Wege

Nachts, in einem zugigen Neubau, schreibt der Erzähler in desolater Gestimmtheit an seinen ungeborenen Sohn. Experimentell, poetisch und melancholisch erzählt er nicht die eine Geschichte, sondern viele: vom Verlust seiner Hoffnungen auf Aufbruch und Freiheit, vom Ende seiner großen Liebe. Unterdessen wacht ein Ex-Polizist über den Vorgarten und das Treiben seiner Nachbarn, die sich um eine ergatterte Waschmaschine prügeln.… Der radikaleText, entstanden 1954–1957, ist avantgardistische Textcollage, Zeitdokument und Reflexion, zwischen Realismus und Traum, Depression und sardonischem Gelächter, durchsetzt mit derber Umgangssprache wie mit Bezügen zur Weltliteratur – von Dante, über Karel Hynek Mácha bis Lautréamont. 1969 legte Suhrkamp Jedličkas subversives Werk vor – nach der von der Zensur gekürzten Erstausgabe von 1966. Kathrin Janka hat es nach dem unzensierten Original neu übersetzt.

KATHRIN JANKA, geboren 1969 in Freiburg/Breisgau, studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte, Germanistik und Allgemeine Vergleichende Literaturwissenschaften an der FU Berlin, an der Karlsuniversität Prag und in Potsdam. Sie ist freie Übersetzerin von Prosa, Drama, Poesie, wissenschaftlicher Literatur und von Filmen sowie Lektorin und Literaturvermittlerin. Kathrin Janka lebt in Berlin und in der Uckermark.

 

Frank Martens : Landwärts Sölle

Frank Martens liest aus seinem Gedichtband „Landwärts Sölle“ 
und Gespräch mit Frank Martens :

Gespräch mit der Verlegerin Margitt Lehbert, Edition Rugerup :

 

In seinen Gedichten beschreibt Frank Martens die Uckermark als klaren Fall: „nacht ist nacht hier“.  Diese Nacht ist „mal düster mal klar / gewaltige stille / für den schlaf“.
„Landwärts Sölle“, dieser Buchtitel könnte auch ein Synonym sein für die uckermärkische Landschaft, in der Frank Martens seit über zehn Jahren lebt. In dieser Landschaft liegen, verstreut zwischen Hügeln, wie kleine schilfumrahmte Wasseraugen zahlreiche Sölle oder Toteislöcher. Bei ihrem Abzug hatten eiszeitliche Gletscher vereinzelte „Frank Martens : Landwärts Sölle“ weiterlesen

© 2022 Warnitzer Lesungen | Impressum | Datenschutz