AKTUELL : 4. Februar 2023 – 19 Uhr | Joris-Karl Huysmans – vorgestellt von Gernot Krämer

In den 1870er-Jahren bebt Paris unter tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Der Deutsch-Französische Krieg, die Pariser Kommune und die Ausrufung der Dritten Republik liegen erst wenige Jahre zurück. In den Vorstädten von Paris schuften Frauen und Männer an den Fließbändern der Industrieproduktion. Ablenkung finden sie abends in Spelunken, hier hauen sie ihr sauer verdientes Geld mit dem Leichtsinn der Habenichtse auf den Tresen.
Joris-Karl Huysmans erzählt die Geschichte zwei junger Frauen, Kinder ihrer Zeit. Gegen alle Widerstände kämpfen sie um Selbstbestimmtheit und Lebensglück. Huysmans kannte das Milieu aus nächster Nähe: Nach dem Tod seiner Mutter erbte er die Buchbinderei des Stiefvaters, die drastischen Szenen in der Werkstatt entwickelte er aus eigener Anschauung. Zeitgenössische Kritiker stießen sich am harten Naturalismus, an der Verwendung der Sprache des Proletariats und der Wahl des Sujets. Als großer Stilist wurde er erst später anerkannt.
Die Hauptfiguren seines Buches, die Schwestern Céline und Désirée Vatard, arbeiten in der Buchbinderei Débonnaire & Cie. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein, und das gilt auch für ihre Liebschaften. Céline, die ältere, ist lebenslustig, draufgängerisch und pragmatisch, hat lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Désirée träumt von einem bürgerlichen Leben, einer Wohnung mit einem richtigen Schlafzimmer, ist idealistisch und sanft. Trotz ihrer Unterschiede stehen die Schwestern füreinander ein, teilen ihre Träume und ihr Liebesleid.

»Die Schwestern Vatard« erschienen 2021 erstmals auf Deutsch in der präzisen und stimmungsvollen Übersetzung von Gernot Krämer.

Ein »Autor auf der Höhe seiner stilistischen Fähigkeiten … Wer den späten Huysmans – den Klassiker der Nervenkunst – schätzt, sollte den jüngeren kennenlernen, der hier die Eingeweide von Paris vorzeigt.«
(Die Tagespost)

Joris-Karl Huysmans 1904     (Foto: Taponier)

JORIS-KARL HUYSMANS, eigentlich Charles Marie Georges Huysmans, wurde 1848 in Paris geboren. Im Hauptberuf Angestellter des Innenministeriums, publizierte er kürzere Texte für Zeitschriften, Erzählungen, Gedichte und mehrere Romane, die zum Teil auch ins Deutsche übersetzt wurden. Er war mit Emile Zola befreundet und schloß sich der Gruppe der Naturalisten an, gründete die Académie Goncourt und wurde deren erster Vorsitzender. Sein Debütroman war so drastisch und »naturalistisch«, daß man ihn als sittenwidrig einstufte und verbot. Huysmans‘ Romane spielen in der Pariser Unterschicht oder im Künstlermilieu, sein berühmtestes Werk »À rebours« (Gegen den Strich) kreist um einen dekadenten und neurotischen jungen Aristokraten namens Jean Floressas Des Esseintes. Dieser zieht sich zunehmend aus der für ihn unbefriedigenden sozialen Realität zurück und spinnt sich in seinem Vorstadthäuschen in eine artifizielle Welt des Ästhetizismus und Mystizismus ein und landet allmählich am Rande geistiger Umnachtung. Der Roman war eigentlich als naturalistische Studie eines erblich belasteten und krankmachend lebenden „dekadenten“ Individuums gedacht, das viele Züge des Autors selber trägt. Er wurde jedoch von vielen Lesern als ein „Brevier der Dekadenz“ aufgenommen, in dem sie eigene Probleme wie auch Probleme ihrer Zeit wiedererkannten. A rebours wurde so eine Zeitlang zum Kultbuch, u.a. auch für Oscar Wilde und Stéphane Mallarmé. Huysmans starb 1907.

Foto: Sol Mendoza Krämer

GERNOT KRÄMER, 1968 in Hamm geboren, aufgewachsen in Westafrika und in Westfalen, studierte Komparatistik, Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum und lebt als Redakteur der Literaturzeitschrift Sinn und Form sowie als Übersetzer und  Herausgeber in Berlin.

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