2. Dezember – 19 Uhr | Pier Paolo Pasolini : Nach meinem Tod zu veröffentlichen und Ein Unfall im Kosmos 112 Sonette – vorgestellt von Theresia Prammer

Pier Paolo Pasolini, bekannt als Filmregisseur, ist mit seinen Gedichten noch zu entdecken. Sie sind eine Liebeserklärung an den Menschen, an das römische Subproletariat, es sind Verse voller Nostalgie, Zärtlichkeit und Solidarität. Der 2022 im Suhrkamp Verlag veröffentlichte Gedichtband „Nach meinem Tod zu veröffentlichen“ versammelt erstmals unübersetzte und aus dem Nachlass erschlossene späte Gedichte Pasolinis.
Zu Beginn der sechziger Jahre hat Pasolini in Rom Fuß gefasst, zwei gefeierte Romane veröffentlicht und sich eine neue, flammende Leidenschaft erschlossen, das Kino. Doch der Ort, an dem sich seine Passion, die sozialen und politischen Verhältnisse der Welt festzuhalten, am dringlichsten äußert, ist seine Lyrik. Kompromisslos wirft Pasolini den eigenen Körper in den Kampf, prangert die verlogenen Ideologien der Machthaber an und protestiert gegen die Seelenlosigkeit des Kapitalismus. Pasolinis Gedichte sind das Protokoll einer Krise linken Denkens, das rund sechzig Jahre nach seinem Entstehen an Dringlichkeit und Anmut nichts eingebüßt hat. »Ich hielt die Erde für die Mitte der Welt und die Poesie für die Mitte der Erde.« Der Band gehörte zu den Lyrik-Empfehlungen 2022 und stand auf der ORF- wie auch SWR-Bestenliste. »Aber für mich war es eine Tragödie. Doch seid unbesorgt, ich tue nur so, als hätte ich schwache Schultern: in Wirklichkeit sind sie stärker als die Simons. Lasst mich für ein paar Monate ein anständiger Bürger sein, dann kann ich für den Rest meines Lebens wieder den Bösewicht mimen.« 

Pier Paolo Pasolinis Nachlass barg darüberhinaus über Jahrzehnte einen weiteren ungewöhnlichen Schatz: einen Zyklus von Sonetten, an denen der Autor zwischen 1971 und 1973 arbeitete. Auslöser für diese Liebes-, Schmerz- und Schmähgedichte war ein »Unfall im Kosmos« – Ninetto Davoli, Pasolinis langjähriger Begleiter und Protagonist vieler seiner Filme, hatte sich von ihm abgewandt und beschlossen, seine Freundin Patrizia zu heiraten. In 112 Anläufen, die sich wie Notrufe aneinanderreihen, sucht der verzweifelte Pasolini das Zwiegespräch mit dem abtrünnigen Geliebten. Leise Liebeserklärungen folgen auf blindwütige Tiraden und Vorwürfe, zärtliches Pathos der Erinnerung weicht beleidigtem Rückzug. Immer wieder lässt die Fassungslosigkeit des Verlassenen die Form der Sonette ausufern – literarischer Anspruch und menschlicher Schiffbruch bleiben untrennbar verwoben. „Ein Unfall im Kosmos – 112 Sonette“ : Pasolinis Sonette sind das Zeugnis einer tiefen Zuneigung und der Hilfeschrei eines Verlassenen – höchst intim, so schmerzhaft wie unwiderstehlich, formvollendet aus den Fugen.

Die österreichische Übersetzerin Theresia Prammer stellt die beiden aus dem Nachlass herausgegebenen, von ihr übersetzten und mit kundigen Nachworten vertsehenen Gedichtbände Pier Paolo Pasolinis vor. Die vielfach ausgezeichnete Übersetzerin und ausgesprochene Kennerin der italienischen Literatur übertrug Pasolinis Gedichte einfühlsam und in all ihrer Sprengkraft ins Deutsche.

»Dass die außergewöhnliche und bedeutende Dichtung des Pier Paolo Pasolini … nicht in Vergessenheit gerät, dafür sorgt auch die großartige neue Ausgabe seiner bisher unbekannten Gedichte.« (Matthias Ehlers, WDR)

»Zu den unveröffentlichten Arbeiten, die sich im Nachlass Pasolinis fanden, zählt auch eine Reihe von Gedichten, die die österreichischen Romanistin Theresia Prammer nun in vorbildlicher Weise editiert, übersetzt und kommentiert hat.« (SWR)

 

PIER PAOLO PASOLINI, 1922 in Bologna geboren, war Schriftsteller, Filmregisseur, Journalist und Kritiker. Er lebte in Casarsa (Friaul), verlor wegen »obszöner Handlungen in der Öffentlichkeit« seine Stelle als Lehrer und zog 1950 nach Rom. Mit dem Roman »Ragazzi di Vita« (1955) erlangte er große Bekanntheit in Italien und avancierte mit den »Freibeuterschriften« zu einem der wichtigsten und streitbarsten Intellektuellen seiner Zeit. Pasolini wurde am 2. November 1975 in Ostia unter bis heute ungeklärten Umständen ermordet.

THERESIA PRAMMER, 1973 in Niederösterreich geboren, lebt als Autorin, Herausgeberin, Essayistin, Wissenschaftlerin der deutschen und italienischen Literatur und Übersetzerin aus dem Italienischen und Französischen (u.a. Pasolini, Andrea Zanzotto, Eugenio Montale, Amelia Rosselli, Valerio Magrelli, Ghérasim Luca) in Berlin. 2020 gründete sie in Retz/ Niederösterreich das Dante-Zentrum für Poesie und Poetik. Sie erhielt u.a. 2019 den Ginkgo-Biloba-Preis, 2022 den Österreichischen Staatspreis für literarisches Übersetzen und 2023 den Paul Scheerbart-Preis: »Die lyrische Qualität ihrer feinfühligen, akribischen und engagierten Arbeit hat die Jury überzeugt.«

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