29. Oktober 2022 – 19 Uhr | Marion Poschmann : Laubwerk + Nimbus

Laubwerk. Wortmeldungen. In ihrem Text Laubwerk schreibt Marion Poschmann, wie in jedem Herbst unzählige Menschen in den Neuenglandstaaten und Kanada in die Wälder ziehen, um die faszinierend bunte Laubfärbung in dieser Jahreszeit zu erleben. „Leaf peeping in Nordamerika ist konnotiert mit Freiheit, weiten Räumen, Abenteuer und wilder Natur. Man fährt in die Berge, man fährt über Land, man verbindet sich mit den Wäldern und der Witterung, man hat Teil an der Schönheit des Landes.“ Auch in Ostasien bestauenen die Bewohner das Herbstlaub, es ist eine tausendjährige Tradition. „Wenn sich der Japanische Ahorn im Herbst orange, karmesinrot oder magenta färbt, zieht es die Laubbetrachter in Massen zu den berühmtesten Tempelgärten des Landes, und jedes einzelne Ahornblatt wird ausgiebig von allen Seiten fotografiert.“
Deswegen erstaunt es Marion Poschmann, daß wir Europäer
von der Laubfärbung keinerlei Aufhebens machen. Im Gegenteil, googelt sie ein Stichwort wie Herbstlaub, „geht es in erster Linie um die Räumpflicht, um gefährlich rutschiges Laub auf nassen Bürgersteigen, um Nachbarschaftsstreitigkeiten, weil sich das fallende Laub nicht an Grundstücksgrenzen hält, es geht um geeignete Laubbläser und Entsorgungsfragen. Herbstlaub ist unerwünscht, stört den Tagesablauf und enthält allergieerregende Schimmelpilze.“ 
Für ihren ebenso poetischen wie engagierten Text Laubwerk erhielt Marion Poschmann den WORTMELDUNGEN-Literaturpreis der Crespo Foundation.

Nimbus heißt dunkle Wolke und ist eine beeindruckend formlose wie ungreifbare Erscheinung aus Schwung, Pracht und Weite. Sie bestimmt die Atmosphäre und entzieht sich zugleich, bleibt unbeherrschbar. Mit Witz und Zärtlichkeit unternimmt Marion Poschmann in ihren neuen Gedichten den Versuch, Nähe und Ferne zusammenzudenken und sowohl über die maßlosen Kräfte des Äußeren als auch ihr Echo in unserem Inneren zu sinnieren. Die Erforschung Sibiriens vor Beginn der Industrialisierung, flüchtige Begegnungen mit Tieren, die Nuanciertheit eines Farbtons oder die Verletzlichkeit von Eismassen spiegeln ebenso wie die kleinen magischen Praktiken des Alltags die Einzigartigkeit der globalen Veränderung. Nimbus ist eine Feier des Sublimen und Schönen, unverwechselbar im Ton, lustvoll und philosophisch.

»… bei Marion Poschmann mischen sich begriffliche Erkenntnis und starke Bildlichkeit bis in die Details. … Sie bewegt sich traumwandlerisch sicher in der Kultur- und der Wissenschaftsgeschichte.«
Hubert Winkels, Süddeutsche Zeitung

 

© Jürgen Bauer

MARION POSCHMANN, 1969 in Essen geboren, studierte Germanistik und Slawistik und lebt heute in Berlin. Für ihre Lyrik und Prosa wurde sie mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Klopstock- Preis 2018 für ihren Roman Die Kieferninseln (2017), der auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und auf jener des Man Booker International Prize 2019 stand.

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