11. Mai 2019 – 19 Uhr | Buchmessenachlese

mit Andreas Rötzer (Verleger) und
Meike Rötzer (Lektorin, Schauspielerin),
Verlag Matthes & Seitz Berlin

Zweimal jährlich, im Frühjahr und im Herbst, ist Buchmessezeit und die Verlage bringen zahlreiche spannende Neuerscheinungen heraus. Wir baten den Verlag Matthes & Seitz Berlin, eine kleine Auswahl aus seinen frisch veröffentlichten Büchern in Lesung und Gespräch vorzustellen. Es wird unter anderem um Natur, Revolution, Spinnen, Anarchie, Jagd, Bewußtseinsursprünge und Garten gehen. Und es gibt einen Büchertisch!

Hier einen kleinen Vorgeschmack auf die ausgewählten Bücher:

Eckhardt Fuhr : Jagdkunde
»Die Schönheit der Tiere macht mich oft sprachlos. Ich bewundere ihre Schläue, ihre Überlebenskunst. Ihr Fleisch esse ich gern. Deshalb töte ich manchmal eines.« Seit vielen Jahren geht Eckhard Fuhr in Berliner Forsten und anderswo auf die Jagd und erzählt in dieser Jagdkunde von persönlichen Erfahrungen auf der Pirsch, von seiner Liebe zu den Tieren und den Grundlagen eines der ältesten Handwerke der Menschheitsgeschichte, das heute einen unverzichtbaren Teil der Land- und Forstwirtschaft darstellt. Kurzweilig und unterhaltsam, stets mit großem Respekt gegenüber der Natur, beschreibt er eine andere, äußerst intime Nähe zum Wald und den ihn bewohnenden Tieren. Jäger und Nicht-Jäger lernen aus diesem Buch Wissenswertes und Kurioses aus der Geschichte und Praxis des Handwerks.

Peter Godfrey-Smith : Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins
Die Begegnung mit Kraken in den Tiefen des Meeres wird zum Ausgangspunkt dieser faszinierend erzählten Evolutionsgeschichte des Bewusstseins, die sich unabhängig voneinander zweimal ereignete: Kraken und Wirbeltiere haben gemeinsame Vorfahren, und doch entwickelte sich ihre Intelligenz völlig unabhängig voneinander. Godfrey-Smith geht der Frage nach, wie Oktopusse so intelligent werden konnten, und welcher Art ihre Intelligenz ist, die nicht in einem zentralen Gehirn steckt, sondern in ihren Tentakeln. In der Begegnung mit ihnen finden wir mehr über uns selbst heraus – und wenn es einen ganz anderen, einen »außerirdischen« Geist gibt, dem wir begegnen können, dann finden wir ihn in den Oktopussen.
»Peter Godfrey-Smiths Buch bringt uns das Bewusstsein der Cephalodien und die Geschichte unseres eigenen Bewusstseins näher, Tentakel für Tentakel.« (Sloane Crosley, Vanity Fair)
»Wenn das Philosophie ist, dann funktioniert es überaus gut: Peter Godfrey-Smith ist nie dogmatisch, aber erschreckend scharfsinnig.« (Carl Safina, The New York Times Book Review)

Éric Vuillard : 14. Juli
Der Sommer 1789 ist herrlich warm und so schön, dass man die Hungersnot im vorangegangenen bitterkalten Winter leicht vergessen kann, zumindest in den Palästen. Im Volk aber wächst die Unzufriedenheit über die Willkür und Dekadenz der herrschenden Klassen, bis die drückende Hitze schließlich kaum mehr auszuhalten ist. Eines Nachts versammeln sich erste Gruppen in der Dunkelheit. Waffenarsenale werden gestürmt, Theaterrequisiten geplündert. Aus falschen Speeren werden echte Schlagstöcke. Die Kirchenglocken in Paris schlagen Alarm, doch zu spät: Am Morgen des 14. Juli hat sich die Menge bereits vor den Toren der Bastille versammelt – sie wird Europa für immer verändern. Éric Vuillard schildert die Geburtsstunde der französischen Revolution als bildreiches Panorama voller Miniaturen, die uns daran erinnern, dass Freiheit auch Gleichheit aller Menschen vor der Geschichte bedeutet.
»[›14. Juli‹] zeigt aufs Schönste, wie sich Literatur und Geschichte zu etwas Einmaligem verbinden und einem alten Stoff eine ganz neue Dimension erschließen können.« (Claudia Mäder, Neue Zürcher Zeitung)
»Welch ein großartiges Buch! Sätze zum anbeten. Keiner zu viel, keiner zu wenig. So einen Text hätte ich mir in der Schule gewünscht. Statt unserer drögen Geschichtsbücher…« (Buchhandlung Hoffmann in Achim)

»Eine Liebeserklärung an die menschliche Vorstellungskraft in einem überwältigenden Text. Ein Buch mit emotionaler Kraft, das zugleich auch das Elend unserer Zivilisation spiegelt.« (Le Monde des Livres)

Jean-Henri Fabre, Michael Ohl (Hg.) : Spinnen
In Jean-Henri Fabres poetischen Beschreibungen treten die Spinnen als lauernde Mörderinnen oder als Opfer spinnenjagender Wespen auf. Sie sind für ihn so abstoßend wie furchteinflößend, in ihrem Verhalten aber gleichermaßen anziehend und faszinierend. Begeistert von der Südfranzösischen Tarantel, der Schwarzen Witwe und der Kreuzspinne, beobachtet er gespannt deren Beutefang, ihre Paarung und Fortpflanzung wie auch Netzbau seiner häuslichen Nachbarn. Die Geometrie des Radnetzes der Kreuzspinnen veranlasst ihn zu philosophischen Überlegungen über mathematische Prinzipien in der Natur, während seine Familie fassungslos seinen Experimenten zusieht, mit denen er die vermeintliche Giftigkeit mancher Spinnenarten untersucht. Er bringt Licht in die Welt der im Verborgenen lebenden Tiere und so werden die Spinnen für ihn schließlich zu einem Sinnbild dafür, wie jeder Organismus in all seinen Teilen sich in den Organismus der von Gott geschaffenen Natur einfügt.

Paul Valéry : Prinzipien von An-archie

Freiheit, Tyrannei, »Volk« und Monarchie – Themen, die Paul Valéry zwischen 1936 und 1938 in einem separat geführten Carnet notierte, das parallel zu seinen legendären, lebenslangen Cahiers entstand. In den historischen, zeitgeschichtlichen, politischen Aperçus und Kurztexten geht es ihm darum, Tiefenstrukturen anarchischen Denkens und Handelns aufzuspüren: um eine Kritik von Staatsformen, problematische Grundfragen zu Nation und Gesellschaft, zu Souveränität und Autorität, zu Macht, Gewalt und Angst, um Rechtsformen und Rechtsprechung – wie auch um deren historische Akteure, etwa Napoleon, Trotzki, Hitler oder den Zufall. Seine Überlegungen sind hellsichtig und überraschend; geschrieben in einer Vorkriegszeit, verbinden sie sich erschreckend direkt mit unserer Gegenwart. »Was Valéry zu Macht, Mehrheitswahlrecht, Nation, Gewalt und Angst notiert, ist bis heute weder eingeholt noch überholt worden und deshalb: ein Buch der Stunde.« (Cord Riechelmann, Philosophie Magazin)

Alma de l’Aigle, Judith Schalansky (Hg.) : Ein Garten
Vor dem Hintergrund der Zerstörungen durch die Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg schrieb Alma de l’Aigle 1948 ein Buch über das Paradies ihrer Kindheit: In dem ab 1888 von ihrem Vater auf einem Stück Ackerland im heutigen Hamburg-Eppendorf angelegten Zier- und Nutzgarten lebte die Familie im Rhythmus der Jahreszeiten von und mit der Natur: alle, die Eltern, die drei Töchter und die Großmutter bestellen den Obst- und Gemüsegarten, kümmern sich um die Blumen des Ziergartens und ziehen Wein im Gewächshaus. Was nicht selbst verbraucht werden kann, verschenkt die Familie – und ganz besonders feine Früchte werden an den besten Feinkostladen Hamburgs verkauft. Von dieser prägenden Lebenswelt erzählt Alma de l’Aigle kundig und in einer staunenswerten Sprache, dass man glaubt, die Farben und Formen sehen, die Düfte riechen und das Obst und Gemüse und schmecken zu können. Ihr lange vergriffenes Gartenbuch ist poetische Beschwörung einer verlorenen Kindheitswelt, Dokument der Gartengeschichte, mit dessen Hilfe sich Teile der Anlage rekonstruieren ließen, sowie ein kraftvolles Manifest für einen ebenso sachlich wie sinnlichen Umgang mit der Natur. »Dieses Buch legt wunderbares Zeugnis davon ab, welche Glückseligkeit die Hingabe an einen Garten bedeuten kann und dass es offensichtlich eine tiefe Beziehung ist, die man da eingeht. Abgesehen davon, dass dieses Buch sehr kundig macht, tut es auf seltsame Art wohl.« – NDR 4

Ludwig Fischer : Natur im Sinn
Eine längst fällige, programmatische Schrift über die Grundlagen der literarischen Vergegenwärtigung von Natur. Nicht nur der aktuelle Boom von ›Naturbüchern‹ aller Art macht es erforderlich, genauer über die Fragen nachzudenken, von welcher Natur gesprochen wird und wie sie in den Texten erscheint. Denn hierzulande fehlt immer noch weithin ein Bewusstsein davon, was die anspruchsvolle literarische Vergegenwärtigung von un-mittelbarer, intensiver Naturerkundung erreichen kann – gerade auch für eine Verständigung über unser gesellschaftliches Naturverhältnis, eine Verständigung und Auseinandersetzung, die heute dringlicher ist als je. In den USA und in Großbritannien gibt es mit den Werken des Nature Writing eine lange Tradition der literarischen Ausarbeitung von Naturwahrnehmung. In letzter Zeit hat sie mit dem New Nature Writing einen neuen Aufschwung erfahren. In Deutschland brach eine vergleichbare Linie nach dem großen Vorbild Alexander von Humboldt jäh ab. Ludwig Fischer erörtert die ›Arbeit der Sinne‹, von der authentische Naturerfahrung und -erkundung ausgeht, und benennt die ›Protestenergie‹, die so viele Texte des Nature Writing durchzieht – eine fundamentale, glänzend geschriebene Auseinandersetzung mit Kernfragen unseres Naturverhältnisses und mit den Möglichkeiten der Literatur, die etwas anderes bestärken will als Unterwerfung und Ausbeutung der natürlichen Mitwelt. Das Buch entwirft die Herausforderungen, denen sich ein eigenständiges, vielfältiges deutschsprachiges Nature Writing gegenüber sieht, und erwägt die Impulse, die es setzen kann – nicht nur für die Literatur, sondern für unser Verhältnis zu Natur und Umwelt im Zeitalter des Anthropozäns.

GEFÖRDERT wird die Lesereihe vom LANDKREIS UCKERMARK