Im Jahr 2002 rückte ein Mord das uckermärkische Dorf Potzlow in die Schlagzeilen der internationalen Presse. Daraufhin recherchierte der Regisseur und Autor Andres Veiel über Monate in Potzlow, sprach mit den Tätern, Dorfbewohnern sowie Angehörigen von Opfer und Tätern. Die Ergebnisse sind auf 1500 Seiten Gesprächsprotokoll festgehalten. Veiel studierten im Weiteren Akten, Verhörprotokolle, Anklage, Plädoyers und Urteil des Gerichtsprozesses. Aus den Ergebnissen dieser siebenmonatigen Recherchen entstanden ein Dokumentarfilm, ein Theaterstück und ein Buch, das an diesem Abend von Andres Veiel vorgestellt wird. „Der Kick“ ist eine beklemmende Fallstudie über eine entwurzelte Jugend, Rechtsradikalismus, deutsche Traumata und Gewalttraditionen.
Marinus Schöberl war 16 Jahre alt, als er von drei Kumpels nach stundenlanger Misshandlung getötet wurde. Die Jugendlichen schlugen auf ihr schwächeres Opfer über Stunden hinweg ein und töteten es schließlich durch einen Sprung auf den Hinterkopf – hingerichtet nach dem Vorbild des Bordsteinkicks aus dem Film American History X. Die Täter vergruben den Leichnam in der Jauchegrube. Erst vier Monate später wurde er gefunden. Erwachsene Zeugen hatten nicht eingegriffen, sondern über Monate geschwiegen. „Da kein Ausländer zugegen war, haben die Täter einen aus ihrem Dorf genommen und ihn kurzerhand zum Juden erklärt“ – so später der Staatsanwalt in seiner Stellungnahme.
Die Gewalt der Tat aber beginnt nicht in dieser Nacht; sie findet sich fortwährend in den Lebensgeschichten der Beteiligten und deren Familien: 1942 im Umgang mit den polnischen Fremdarbeitern, in den 90er Jahren im Umgang mit den „neuen“ Fremden. Sowohl die Familie der Täter als auch die des Opfers sind in der Dorfgemeinschaft nie wirklich angekommen. Über die Montage der verdichteten Gesprächsprotokolle versucht „Der Kick“, die Biografie hinter der Tat sichtbar werden zu lassen. Der Autor versucht, den Strukturen und Biographien hinter der Tat eine Sprache zu geben. Über das Entsetzen hinaus sollen vor allem Fragen zugelassen, Brüche ausgehalten und zumindest ein Bruchteil verstanden werden.
In einem Interview sagt Andres Veiel: „In der Öffentlichkeit wurden die Täter auf kalte, unberührbare Monster reduziert, rechtsradikale Mörder ohne Reue, ohne Reflektion. Das ganze Dorf stand unter dem Generalverdacht, die Tat zu decken. In den Medien und aus der Politik wurden formelhaft die üblichen Klischees als Ursache der Gewalt zitiert: Perspektivlosigkeit, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit. Schon beim zweiten Blick auf den Fall wird deutlich, dass diese Zuweisungen nicht weiterhelfen. In den meisten Debatten wurden die Täter in einen Monsterkäfig gesperrt. Wir wollten sie da von Anfang an herausholen. Wir geben den Tätern eine Biografie, sie werden zu Menschen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Das ist die eigentliche Provokation. Der Mord ist in Potzlow passiert, aber Potzlow ist überall.“
„Ein kluges, nüchternes, auf beklemmende Weise hellsichtiges Buch.“
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)
„Das Buch ist ein eindrucksvolles Protokoll einer sozialen Aufmerksamkeit.“
(Frankfurter Rundschau)
„Dieses Buch hat das Zeug zum Klassiker, sowohl als exemplarische Analyse eines Verbrechens als auch als ein Geschichtsbuch der Gegenwart.“
(Süddeutsche Zeitung)

ANDRES VEIEL, geb. 1969, ist Autor und Regisseur. Er studierte an der FU Berlin Psychologie und absolvierte parallel von 1985 bis 1989 eine Regie- und Dramaturgieausbildung im Rahmen der internationalen Regieseminare Berlin unter Leitung des polnischen Regisseurs Kieslowski. Veiels Werke thematisieren oftmals die Hintergründe und Zusammenhänge von biografischer und historischer Gewalt, er gilt als einer der profiliertesten Vertreter einer politisch engagierten Kunst. Merkmal seiner Arbeitsweise sind intensive, teilweise mehrjährige Recherchen. Für seine Dokumentarfilme – u.a. Die Überlebenden (1996), Black Box BRD (2001), Die Spielwütigen (2004), Der Kick (2006), Beuys (2017), Riefenstahl (2024) -, für seine Spielfilme – u.a. Wer wenn nicht wir (2010), Ökozid (2020) -, für seine Theaterstücke – u.a. Die letzte Probe (1989), Der Kick (2005), Das Himbeerreich (2013), Welche Zukunft?! – Let Them Eat Money (2017) – und für seine Sachbücher erhielt er zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. Seine Theaterstücke wurden u.a. am Theater Basel, am Schauspiel Stuttgart, am Gorki-Theater und am Deutschen Theater Berlin aufgeführt. Für sein filmisches Gesamtwerk verlieh ihm die Akademie der Künste 2005 den Konrad-Wolf-Preis, 2006 erhielt er den Hauptpreis zur Förderung der Deutschen Filmkunst der DEFA Stiftung und 2017 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.
Andres Veiel lebt in Berlin und im Barnim.
In Zusammenarbeit mit der ‚Heike-Schulze-Stiftung‘ Joachimsthal (www.heike-schulze-stiftung.de).
